Am Anfang wie am Ende steht das Wort

Schon bei der Einleitung hieß es gestern: Korrekterweise müsste der Titel von „Am Anfang war das Wort“ zu „Am Ende steht das Wort“ geändert werden. Denn diese Lesung war eine der letzten Veranstaltungen im Rahmen der Baden-Würtembergischen Literaturtage 2020. Aufgrund der verschärften Coronamaßnahmen muss nach diesem Wochenende alles abgesagt werden. Es ist zwar nur ein kleiner Trost, aber Rufus Beck und Christian Segmehl boten zumindest einen würdigen Abschluss!

Der Veranstaltungsort hätte passender nicht sein können: Die Nikolaikirche in Isny wurde anlässlich der Lexung schön und ansprechend beleuchtet und sorgte für eine geradezu andächtige Stimmung. Und sowohl Rufus Beck als auch Christian Segmehl trugen dazu bei.

Im Mittelpunkt stand an diesem Abend natürlich die Bibel. Ein Buch („Das Buch“), dass den wohl größten Einfluss auf die Geschichte der Menschheit hatte – im Guten, aber nicht selten auch im Bösen. Sie hat Kriege und Verfolgungen ausgelöst und gleichzeitig zur Nächstenliebe aufgerufen, Wissenschaft und Kunst inspiriert und verboten und Minderheiten unterdrückt wie gestärkt. Der Titel „das Buch der Bücher“ scheint wirklich keine Übertreibung zu sein.

Aus diesem Werk las Rufus Beck zwei Abschnitte: die Bergpredigt (aus dem Evangelium nach Matthäus) und die Offenbarung des Johannes. Tatsächlich waren die Parallelen zu einer Lesung während eines Gottesdienstes nicht zu übersehen; was hat sich schon geändert, neben der Person die vorträgt? Immer noch sind es die gleichen Texte, die selben Gemäuer. Der Rahmen, in dem die Lesung stattfindet hat allerdings auch einen Einfluss. Schließlich erwartet die Veranstaltung oder Rufus Beck nicht, dass die Hörer die Worte für bare Münze nehmen. Ganz im Gegenteil, Rufus Beck stellt ausdrücklich klar, dass das Publikum den Text genauso gut als fantastische Erzählung oder interessantes Geschichtsdokument betrachten kann. Und wie man dazu auch steht, seine Lesung war gelungen. Rufus Beck ist fähig, auch fast 2000 Jahre alten Texten eine spürbare Lebendigkeit einzuhauchen. Mit Leichtigkeit, und ohne auch nur einen einzigen Fehler zu machen!

Den Gegenpol des Abends bildet Christian Segmehl. Er ist ein professioneller Saxophonist aus der Region, der immer wieder viel zu unsere Kulturlandschaft beiträgt (z. B. durch seine Konzertreihe „AllgäuKonzerte“). Ein Saxophon ist aufgrund seines vergleichsweise jungen Alters in einer Kirche selten aufzufinden. Umso erstaunlicher war also die Wirkung, die es erreichen konnte. Mal tief und durchdringend, mal hoch und virtuos macht Segmehl aus Luft Musik und erfüllt den Raum mit seinen Tönen. Er verleiht dem Instrument eine nahezu menschliche Stimme, lässt es klagen und singen, und führt es bis zur Mehrstimmigkeit – wenn Sie wissen wollen, wie genau das funktionierte, müssen Sie den Techniker fragen. Bei dieser Veranstaltung war die Musik jedenfalls nicht nur Begleitung, sondern ein vollwertiges Mitglied des Vortrags.

Womöglich war „Am Anfang war das Wort“ die Veranstaltung, die ich mit größter Spannung erwartet habe. Man könnte Rufus Beck, den Sprecher von Harry Potter, auch als eine Stimme meiner Kindheit bezeichnen. In Kombination mit Musik und der Bibel kamen an diesem Abend also mehrere meiner Interessen zusammen – und gingen eine Symbiose ein! Ich bin sehr dankbar, dass dieser Veranstaltung noch stattfinden konnte, sie wird mir tatsächlich als Wegzehrung in den nächsten Wochen dienen.

(Wanda Ruetz)

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