Dienstagsdialog zu Sungs Laden

Der heutige Dienstagsdialog befasst sich mit dem Buch “Sungs Laden”, welches für das Projekt Eine Stadt liest ein Buch ausgewählt wurde. “Sungs Laden” beschäftigt sich mit dem Leben vietnamesischer Immigranten und ihrer Nachfahren in Berlin – von der Wende bis heute. Denn durch Zufall lösen Minh und seine Großmutter, eine ehemalige vietnamesische Gastarbeiterin, eine kulturelle Revolution aus.

Nina: Gleich vorneweg: Was ist euch denn am Buch positiv aufgefallen?

Lisa: Was ich am Buch eigentlich am coolsten fand, – auch wenn es mich anfangs kurz verwirrte – waren der Erzählstil und der Perspektivwechsel. Mal erfuhr man die Geschichte der Hebamme, des Enkels oder der Großmutter. Man huschte sozusagen vom einen Charakter zum nächsten. Dadurch, dass es keine Cuts zwischen Personen und Zeiten gab, entwickelte sich ein fesselnder Erzählfluss. Auch wenn es zu Beginn herausfordernd für den Leser sein kann, habe ich mich schnell daran gewöhnt. Es erlaubt der Geschichte auf jeden Fall sehr mitreißend zu sein und ich finde, das ist hier sehr gelungen.

Charlotte: Das stimmt. In dem Aspekt zumindest erinnert es mich an „Streulicht“ von Deniz Ohde, welches für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert war. Auch da flossen die unterschiedlichen Generationen und Umgebungen sehr organisch ineinander. Was mir außerdem sehr gut an „Sungs Laden“ gefallen hat, war die durchweg heitere Stimmung, die sich durch das Buch zog. Es behielt immer einen optimistischen Ton und war für mich ein wirklicher Stimmungsheber.

Lisa: Finde ich auch, es war so auflockernd! Geholfen hat auch, dass alle Charaktere so sympathisch gezeichnet wurden. Jede einzelne Personen wollte man gerne ins Herz schließen. Außerdem war es sehr humorvoll. Jedes Mal wenn der berlinerische Dialekt erschien, musste ich fast laut auflachen.

 

Wanda: Ich kann gut verstehen, dass man so etwas in Zeiten wie diesen gut gebrauchen kann. Trotzdem: Könnte man das aus eurer Sicht auch als Kritikpunkt anführen?

Charlotte: Ich denke schon, dass das die Kehrseite ist. Es hat einen „quietschigen“ Ton – und darum geht es ja auch, schließlich will das Buch eine neue, optimistische Lebensrealität zeigen –, aber das ist nun mal nicht die ganze Wahrheit.

Lisa: Dem stimme ich zu. Es gibt so viel Intoleranz und Rassismus in der Welt, dass es einfach nicht normal ist, dass diese neue Lebensart von allen so schnell akzeptiert wird. Der Roman darf gerne eine Utopie darstellen, aber nicht ohne das Gegenteil und reale Probleme zu thematisieren. Diese dürfen nicht einfach unter den Tisch fallen.

Charlotte: Damit kommen wir auch zu meinem zweiten Kritikpunkt: Dafür, dass die Veränderung im Buch so groß dargestellt wird, ist mir der Ansatz zu gering, zu wenig radikal, zu flach. Es ist eine Gute-Laune-Revolution, die einzig von einer Wasserpuppe ausgeht.

Lisa: Die Rolle dieser Puppe selbst hat mir allerdings gut gefallen. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch und symbolisiert das Heimatgefühl der Vietnamesen, schließlich ist sie ein traditionelles Element.

 

Nina: Wie sensibel geht „Sungs Laden“ mit vietnamesischer Kultur um?

Lisa: Es ist nicht an uns, das zu beurteilen, aber mir hat die Art und Weise, in der von Vietnam erzählt wird, sehr gefallen. Auch wenn natürlich nicht alles angesprochen wird, fließen immer wieder verschiedene Fragmente in die Handlung mit ein. Man merkt, dass sich die Autorin mit dem Thema beschäftigt und dass die vietnamesische Kultur das Buch ausmacht.

Wanda: Das klingt ja schon ganz gut. Meiner Meinung nach darf eine fremde Kultur eben nicht nur bloße Zierde sein. Wenn es aber ein zentraler Bestandteil der Geschichte ist, der aus dem Buch nicht wegzudenken wäre, ist das ein Schritt in die richtige Richtung.

Charlotte: Ein positiver Effekt ist für mich außerdem, dass sich das Buch auf eine so leicht zugängliche Weise einer Randkultur widmet. Schließlich erscheint der Vietnam sonst eher selten in Prosa und Literatur.

Wanda: Vielleicht kann es ja für einige Leser als Einstiegspunkt funktionieren, der zu weiterer Recherche einlädt. Das würde mich zumindest sehr freuen!

 

Nina: Habt ihr noch ein paar abschließende Worte? Passt der Roman zu den Literaturtagen?

Charlotte: Definitiv! Ich finde gerade aufgrund der obengenannten Punkte ist es eine wirklich gute Wahl für „Eine Stadt liest ein Buch“. Es ist sehr zugänglich und macht einfach Laune. Ich glaube, dass auch viele Nicht-Leser hier ihren Spaß hatten und haben werden.

Lisa: Und so ganz nebenbei: Wir beide würden „Sungs Laden“ auf jeden Fall empfehlen!

 

(Charlotte Florack, Nina Hegele, Lisa Weiß, Wanda Ruetz)

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