Maria Beig - "back on the table"?

Der 8. Oktober 2020, Maria Beigs 100. Geburtstag. Eher gesagt wäre dies der 100. Geburtstag der Autorin gewesen, den sie so gern erlebt hätte, wie sie es noch wenige Wochen vor ihrem Tod munter erzählte. Im Alter von 97 Jahren verstarb die “Stimme Oberschwabens”, heute halten wir sie in Ehren. Wenn schon nicht in Person, dann zumindest in einer Lesung. So las Franziska Walser vergangenen Mittwoch zwei Kapitel aus dem Debütroman “Rabenkrächzen”.

Doch wer war eigentlich Maria Beig?

 

Die Frage, wer jemand tatsächlich war, ist selbstverständlich immer Sache des Betrachters, nie werden wir jemand nahezu Fremden so sehen, wie es ein Freund, eine Geliebte oder ein Familienmitglied tut. Was man definitiv sagen kann, ist dass Maria Beigs Auftreten als Autorin eher ungewöhnlich war. Ihr, eben benannter, allererster Roman “Rabenkrächzen” erschien 1982, als sie selbst bereits über 60 war. Über Martin Walser gelangte er an einen Verlag und Maria Beigs Erfolgsgeschichte begann. Dem Debüt folgten acht weitere Romane, über 50 Erzählungen und der Band beziehungsweise die Autobiographie “Ein Lebensweg”.

In ihrem Leben erlitt die Autorin viel Unglück, sodass sie zu ihren Erzählungen (leider) nicht viel hinzufügen musste und von Martin Walser später als “die Sagerin” bezeichnet wurde. Ihre Kindheit war geprägt von der Angst um die eigene Existenz, Entbehrungen und einer Erziehung, der es an Liebe mangelte. Depressionen begleiteten sie durch ihr Leben und ihr unehelicher Sohn verstarb früh, sie litt darunter zu ihm nicht die Bindung gehabt zu haben, die sie sich so wünschte. Ihr Schmerz in diesem Bekenntnis, welches sich in “Ein Lebensweg” verbirgt, ist greifbar, sie erträgt es nicht in der ersten Person zu schreiben und wechselt in die dritte. “Seine Mutter weinte zwar heftig, doch weniger darüber, dass er nicht mehr war, sondern weil sie in dieser Rolle so sehr versagt hatte”, so heißt es in ihrem letzten Werk, eine Stelle, die (vielleicht) manch einen Leser vor den Kopf gestoßen hatte.

Besonders bewegend ist jedoch auch ihre Art wie sie gegen ihre Depressionen, die “leeren Stunden” anschrieb, dann “drängte es [sie], manches schriftlich festzuhalten”, wie sie selbst notierte. “Bereits am frühen Morgen spitzte [sie] die Bleistift, um das aufzuschreiben, was [sie] nachts überfiel.”

Einige ihrer WErke...

“[…] in dieser Stunde brach die Mutter mit dem Dritten Reich.” Mit diesen (auf den einen oder anderen bestimmt befremdlich wirkenden) Worten überließ Franziska Walser ihre Zuhörer sich selbst und ihren Eindrücken.

Und, da ich mir sicher bin, dass ich nun nicht allein mit dem Anreiz bin, mich bei nächster Gelegenheit mehr mit ihren Werken zu befassen, habe ich hier ein paar Einblicke aufgelistet.

Wie die sieben Raben des Märchens versammeln sich die sieben Schwestern des Romans Rabenkrächzen anlässlich der Beerdigung ihres Onkels in ihrer alten, nicht weniger als sie selbst veränderten Heimat vor den hohen Bergen und nicht weit vom großen See.

Maria Beig führt in ihrem neuen Buch in eine scheinbar fremde Welt: in das ländliche Oberschwaben vor gut 100 Jahren. Im Kreis ihrer Enkel erzählt eine Großmutter von Menschen und Begebenheiten ihrer Kindheit. Die Zeiten, die hier unversehens wieder lebendig werden, ziehen die kleinen Zuhörer wie die Leser gleichermaßen in den Bann. Die präzise, aller Schnörkel bare Sprache Maria Beigs und ihre außerordentliche Beobachtungsgabe zeigen schon nach den ersten Zeilen: diese Vergangenheit ist kein abgeschlossenes Kapitel. Zu vertraut sind die Charaktere, zu bekannt die Umstände.

Der strenge Moralkodex, die Traditionen, zwei Weltkriege, aber auch eigene innere Zwänge spielen den vier “Heldinnen” Babette, Helene, Klara und Martha böse mit. 

In ihrem eigenen ganz direkten Stil erzählt Maria Beig ein Leben, das kurz nach dem Ersten Weltkrieg anfängt und bis in die Gegenwart reicht. Dass es der Autorin eigenes Leben ist, dessen Lebensweg hier so lapidar geschildert wird, macht alles noch authentischer, zwingender. Der Zweite Weltkrieg spielt diesem Leben mit. Konsequenzen einer Liebe verändern alles, was nach dem Krieg kommt. Immer wieder hätte alles anders kommen können. Doch weil es nicht anders kam, entstand das Schicksal einer Frau, die als siebtes von mehr als einem Dutzend Kinder auf einen oberschwäbischen Bauernhof geboren wird – mit allen Konsequenzen, die solch eine Geburt für ein Mädchen 1920 mit sich bringt.

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