Auftakt zu den Literaturtagen - der vorleser

“Ich war das erste und einzige Mal an ihrem Grab.”

Mit diesem Satz schlossen sich am gestrigen Abend die Vorhänge und das Publikum blieb überwältigt von Eindrücken zurück. Um 20 Uhr begann die Uraufführung des Stückes unter der Regie von Miriam Neidhart, nach dem gleichnamigen Buch von Bernhard Schlink, welches 1995 veröffentlicht wurde. In drei Akten und etwa zweieinhalb Stunden erzählt die Figur Michael Berg von seinem Leben in der Zeit von 1959 bis 1984. Eine Liebe, die vermutlich alles an Ungewöhnlichkeit auf den Kopf stellt, Hanna, die als Kriegsverbrecherin verurteilt wird, und er selbst, wie er versucht auf einem schmalen Grad zu balancieren, um sowohl die Seite des Rechts, als auch die des Verstehens nicht zu vernachlässigen. 

Was die Schauspieler gestern auf der Bühne vollbracht haben, war schlicht eine Meisterleistung. Mit Visier und Abstand haben sie die Figuren ohne weitere Probleme auf eine einzigartige Weise dargestellt und jede von ihnen mit ihren feinen Charakterzügen den Zuschauern näher gebracht.

Der Vorwurf gegenüber anderen Personen als zentrales Thema war die gesamte Zeit nahezu greifbar, im Angesicht der Verbrechen des Holocaust bekamen Liebe und Schuld sogleich eine ganz andere Wirkung. Ist man verantwortlich für die Person, die man liebt? Schafft man es weiterhin die Person als solche zu sehen, ohne ihre Verbrechen und Vergangenheit auszublenden? Wie geht man mit der Würde des anderen um?

Ich für meinen Teil hatte sehr hohe Erwartungen an dieses Stück und wurde nicht enttäuscht. Mirjam Neidhart hat es geschafft, die Figuren der Handlung so fein zu charakterisieren, dass man selbst als Zuschauer regelmäßig in seinen Meinungen umgeworfen wurde und die Sicht über einen bestimmten Charakter änderte. Es war eine tolle Aufführung und ich bin wahnsinnig froh, dort gewesen zu sein!

 

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